Formel-1 wird Geisel ihrer eigenen Gier

Nach einem Drohnen-Angriff auf ein Treibstoff-Lager in der Nähe der Strecke in Djeddah fällt der Formel-1 die eigene Gier auf die Füße.

26. März 2022
Formel-1 wird Geisel ihrer eigenen Gier
Foto: HAAS F1 Team / Andy Hone / LAT Images

Es waren nicht die Bilder, die die Formel-1 Verantwortlichen rund um ihr Premium-Produkt sehen wollen: Ein brennendes Tanklager knapp 10 Kilometer entfernt des „Stadtkurses“ in Djeddah gepaart mit einem nicht fertig gebauten Hochhaus am Rand der Strecke und Mercedes-Pilot Hamilton mit seinem Formel-1 Boliden mitten im Bild.

Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass ein Motorsport-Event im Nahen Osten zum Ziel von kriegerischen Auseinandersetzungen – andere nennen es Terror – wird. Auch die Formel E hat bereits ihre Erfahrungen mit Raketenangriffen in der Nähe eines Austragungsortes gemacht.

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Formel-1 Boss Stefano Domenicali trieb seine Schäfchen schnell zusammen und lächelte schon leicht diabolisch in die Kameras der Weltpresse, dass einstimmig beschlossen wurde das Rennwochenende fortzusetzen und, dass die Rennstrecke der sicherste Ort in Saudi-Arabien sei.

Da hatten die Teamchefs und Formel-1 Chefs ihre Rechnung wohl ohne die Fahrer gemacht – bis spät in die Nacht saßen die Fahrer, teilweise noch in Rennanzügen, zusammen. Ließen zwischendurch die Formel-1 Führung und die Teamchefs antanzen, um ausführlich über die Fortsetzung des Wochenendes zu diskutieren.

Am Ende hieß es dann, dass auch die Fahrer das Wochenende fortsetzen möchten und daher alles seinen weiteren Gang gehen wird. Flankiert wurde diese Bekanntgabe von der FIA mit der Ankündigung mit allen Beteiligten weiterhin transparent und offen im Gespräch zu bleiben.

Formel-1 in Geiselhaft: Kein Rennen, keine Ausreise?

Wie die BBC berichtet, ging der Zusage der Fahrer wohl aber eine mehr als harte Diskussion voraus, in der wohl den Fahrern gegenüber auch klar gemacht wurde, dass eine Absage des Grand Prix unvorhersehbare Herausforderungen bei der Abreise der Teams und Fahrer mit sich bringen könnte. Im Klartext: Wenn wir die Nummer abbrechen, wissen wir nicht, ob wir ohne Repressalien durch die Behörden hier wegkommen.

Um es noch deutlicher zu sagen: Der gesamte Formel-1 Zirkus ist seit Freitagabend eine Geisel der Saudis. Wird hier nicht gespurt und den Saudis das geplante Event zur Präsentation des Landes gegeben, wird für nichts garantiert. Sportwashing gepaart mit indirekten Drohungen und einer Geiselnahme des gesamten Paddocks.

Als Außenstehender kann man an dieser Stelle nur sagen: Selbst schuld oder, um ein altes Sprichwort zu bemühen „Wie man sich bettet, so liegt man“. Seit Jahren hofiert die Formel-1 Unternehmen aus dem Nahen Osten, oftmals staatliche Unternehmen wie Aston Martins Titelsponsor Aramco – Ziel des Drohnenangriffs am Freitagnachmittag.

Gefahren wird auf Strecken in Bahrain, Katar und Saudi-Arabien – allesamt Staaten die beim Thema Menschenrechte, Pressefreiheit und Rechte für Frauen auf so ziemlich jeder Liste ganz relativ hinten stehen.

Lewis Hamilton berichtet, dass sein Team einen Brief von einem 14-jährigen Jungen erhalten hat, der in Saudi-Arabien auf seine Hinrichtung wartet. Mit 14 Jahren wurde er zur Todesstrafe verurteilt – im Jahr 2022. Insgesamt wurden in Saudi-Arabien laut Medienberichten dieses Jahr bereits 80 Personen hingerichtet, bis zum Ende des Jahres könnten es bis zu 500 werden.

Bisher war das für die Formel-1 alles kein Problem, hat sie doch selbst nie unter den Folgen der Politik ihrer Partner zu leiden gehabt. In Djeddah hat die Formel-1 nun plötzlich am eigenen Leib erfahren, was es bedeuten kann in einer der Krisenregionen der Welt zu leben.

Natürlich ist die Formel-1 ein Geschäft und ein Unterhaltungsprodukt – hier geht es um einen Haufen Geld und wer die Show bezahlt, will sie natürlich zu seinen Gunsten nutzen. Zu diesem Geschäft gehört in einigen Teilen der Welt auch Sportwashing, um der Welt zu zeigen, dass das eigene Land doch gar nicht so böse ist, wie immer getan wird.

Die Formel-1 Verantwortlichen sollten sich jedoch fragen, ob man in diesem Geschäft nicht doch der Moral etwas mehr Priorität geben möchte. Beim Thema Russland hat es doch auch funktioniert?